Das Reh

Der Lebensraum

Manchmal hat man beim abendlichen Spaziergang Glück und kann Rehe beobachten. Doch oft verschwinden sie fluchtartig ins Gebüsch - gerade noch da und einen Moment später praktisch unsichtbar. Ihre perfekte Tarnung hilft ihnen, sich an die unterschiedlichsten Lebensräume anzupassen und sich zu etablieren.

Rehe findet man sowohl in der unberührten Natur als auch in der vom Menschen geschaffenen Kulturlandschaft. Am liebsten lebt das Reh in einem abwechslungsreichen Lebensraum, das Offenland mit ausreichend Futterpflanzen und einer Wasserstelle bietet. Wald als sicherer Rückzugsraum rundet das Habitat ab.

Anpassungskünstler

Rehe sind wahre Anpassungskünstler. Sie besiedeln auch Lebensräume, die auf den ersten Blick ungeeignet erscheinen. So kommen Rehe auch in intensiv landwirtschaftlich genutzten Regionen vor, in denen es keine Wälder oder Ähnliches gibt. Etwas Gebüsch oder Hecken genügen ihnen, um ausreichend Deckung zu finden. Im Gegensatz dazu können Rehe auch Wälder besiedeln, die kaum Offenland bieten. Von der Küste (zum Teil sogar auf Inseln) bis ins Gebirge wird nahezu jede Art von Lebensraum besiedelt. Selbst in Gärten und Parks kann man Rehe treffen.
Einzig Gebiete oberhalb der Baumgrenze sowie solche mit viel Tiefschnee werden gemieden. Denn hier fällt die Nahrungssuche im Winter besonders schwer.

In der Regel sind Rehe sehr standorttreu. Auch der Nachwuchs hat kein großes Interesse daran, sich weit von seinem Geburtsort zu entfernen. Ein solches Wanderverhalten setzt bei Rehen in vielen Fällen erst ein, wenn die Nahrung in einem Gebiet zu knapp wird.
Für den Fall, dass angrenzende Gebiete nicht erschließbar sind, zum Beispiel weil sie schon bewohnt werden, hat die Natur einen natürlichen Regulierungsmechanismus geschaffen. Ein zu hoher Bestand hat für die Tiere eine Verknappung der Nahrung sowie Stress zur Folge. Beides macht die Rehe weniger resistent gegen Krankheiten: deswegen sterben mehr Tiere. Während die Sterberate bei Kitzen steigt, sinkt die Befruchtungsrate während der Brunft gleichzeitig.

Die Nachbarschaft

Wie und ob Rehe auf ihre Nachbarn reagieren, ist bislang kaum erforscht. Man kann jedoch Rückschlüsse aus den bereits bestehenden Untersuchungen ziehen.
So weisen Lebensräume, in denen Damhirsche, Rothirsche oder Sikahirsche leben, einen geringeren Rehbestand auf, als solche Lebensräume, wo nur Rehe leben. Der Zusammenhang wird dadurch bekräftigt, dass Rehbestände ansteigen, wenn zum Beispiel die Bestände von Rothirschen sinken.
Das Verhältnis von Rehen zu Wildschweinen ist gleichsam wenig erforscht. In Regionen, in denen sowohl Rehe als auch Wildschweine tagsüber ihre schützende Deckung verlassen, kann man sie auf denselben Flächen gemeinsam bei der Nahrungssuche beobachtet. In jenen Regionen, in denen sich die Hauptaktivität der Tiere auf die Dämmerung und Nacht verlagert hat, kann man ein nahezu entgegengesetztes Verhalten feststellen. Hier reagieren Rehe oft mit Flucht, sobald Wildschweine auftauchen.

Auf welche Ursachen diese unterschiedlichen Verhaltensweisen zurückzuführen sind, ist bislang noch nicht erforscht. Es zeigt uns aber einmal mehr, wie verhältnismäßig wenig wir über die Natur wissen. Auch direkt vor unserer Haustür warten noch unzählige Rätsel der Natur darauf, entschlüsselt zu werden.

Im Winter

Die kalte Jahreszeit verlangt den, in den Wäldern und Feldern lebenden, Tieren einiges ab. Wenn im Herbst und Winter ein eisiger Wind zu wehen beginnt, ist eine gute Anpassung überlebenswichtig. Während sich einige Tiere in den Winterschlaf flüchten, ist die Strategie der Rehe ähnlich wie die der Eisbären. Ihre Haare sind nämlich im Winter hohl. Die eingeschlossene Luft isoliert durch seine schlechte Wärmeleitfähigkeit perfekt gegen die Kälte.

Weil die Rehe im Winter wenig Nahrung finden, müssen sie sich im Herbst zusätzlich Fettreserven anfuttern. Damit sie damit durch die Wintermonate kommen, schalten sie ihren Stoffwechsel auf Sparflamme und reduzieren Herzschlag und Körpertemperatur, sodass sie weniger Energie verbrauchen. Störungen durch Menschen können für sie in dieser Zeit deswegen lebensgefährlich sein. Bei Beunruhigung suchen Rehe nämlich mit schnellen Sprüngen das Weite – und das kostet Energie. Deswegen ist Respekt bei winterlichen Waldspaziergängen das oberste Gebot, um Wildtiere nicht zu stören.

Übrigens: Das Fell der Rehe ändert im Frühherbst seine Farbe. Während es im Sommer rot-braun bis beige ist, weist es im Winter eine hell- bis dunkelgraue Färbung auf.

Die Brunft

Obwohl das Reh bei uns in Deutschland weit verbreitet ist, braucht es vielerorts etwas Glück, um es vor die Linse zu bekommen. Immerhin kann ein Reh mit seinem ausgeprägten Geruchssinn einen Menschen auf mehr als 300 Meter Entfernung wittern.

Rehe sind sehr standorttreu. Die Rehböcke besetzen ihr Territorium oft über mehrere, aufeinanderfolgende Jahre. Dabei markieren sie ihre Reviere und verteidigen sie gegen Eindringlinge. Vor allem im Mai kann das im Kampf zwischen den Böcken enden.

Nachdem die Weibchen im Frühling ihren Nachwuchs zur Welt gebracht haben, sind sie etwa zwei Monate später – zwischen Juli und August - paarungsbereit. Die Rehböcke wittern paarungsbereite Weibchen in ihrem Territorium und folgen ihnen – manchmal sogar über mehrere Tage. Die Rothirsche haben es da in mancher Hinsicht leichter – immerhin haben sie bestenfalls ein ganzes Rudel von Weibchen in ihrer Nähe. Der Rehbock hingegen muss einem einzelnen Weibchen folgen. War die Paarung erfolgreich, sucht er sich das nächste paarungsbereite Weibchen.

In der Zeit der Brunft hat man gute Chancen, die Rehe aus der Nähe zu beobachten. Denn dann haben sie wenig anderes im Kopf.
Das kann vor allem im Straßenverkehr zur Gefahr werden. Um einen Unfall mit einem unaufmerksamen Rehbock zu vermeiden, sollte man in dieser Zeit in Wald- und Feldgebieten besonders vorsichtig fahren.

Der Trick mit der Keimruhe

Die Zeit, in der Rehe ihre Babys zur Welt bringen, und die Zeit, in der Rehe sich paaren, liegen zeitlich dicht beieinander - oft sogar zusammen. Dies ist von der Natur schlau ausgetüftelt. Beides - Paarung und Geburt samt Aufzucht des Nachwuchses - sind sehr energieaufwendig. Schlau also, wenn beides genau in die Zeit mit dem größten Nahrungsangebot fällt.

Ein Problem hat die ganze Geschichte allerdings. Ein Jahr Tragezeit wäre schon sehr lang. Zumal das Reh als potenzielles Beutetier von Luchs, Fuchs und Bär öfter mal auf der Flucht ist. Doch die Natur hat sich hier etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Und genau hier kommt die Keimruhe ins Spiel. Diese kommt sowohl bei Tieren, wie auch bei Pflanzen vor. Bei Tieren spricht man auch von Eiruhe oder Vortragezeit. Letztere Bezeichnungen beschreiben eigentlich schon ganz gut, was gemeint ist. Mit Keimruhe wird das Phänomen beschrieben, dass sich eine befruchtete Eizelle nicht sofort zu einem Embryo weiterentwickelt. Die befruchtete Eizelle nistet sich in der Gebärmutterschleimhaut ein, hier endet der Vorgang dann aber erst einmal. Erst nach der Keimruhe kommt es zur Teilung und die embryonale Entwicklung nimmt ihren üblichen Lauf.

Mit diesem Trick schaffen es Rehe, die Geburt ihrer Babys in die Zeiten zu legen, in denen es ausreichend Nahrung gibt. Neben Rehen kommt dieses Phänomen auch bei einigen anderen bei uns lebenden Säugetieren vor, beispielsweise bei Dachs und Fischotter.

Gute Nase

Wir Menschen besitzen rund 5 Millionen Riechzellen. Damit ist die menschliche Nase der von Rehen klar unterlegen. Immerhin verfügen Rehe über 320 Millionen Riechzellen – eine Zahl, für die es 64 Menschennasen bräuchte. Und selbst Hunde können mit 220 Millionen Riechzellen von einer solchen Nase nur träumen.

Mit ihrer Nase sind Rehe in der Lage, einen Menschen aus einer Entfernung von 300 bis 400 Metern zu riechen. Diese Fähigkeit ist für sie überlebensnotwendig. Mit ihren seitlich am Kopf liegenden Augen ist es ihnen zwar möglich, einen breiten Raum um sie herum zu überblicken. Allerdings sind sie kaum dazu in der Lage, stillstehende Objekte zu erkennen.

Wenn sie ruhen, bevorzugen Rehe deshalb erhöhte Plätze. Neben einem besseren Überblick können sie hier – dank des stärkeren Windes – potenzielle Feinde schneller erriechen.

Bambi - Reh oder Hirsch?

Ohne jeden Zweifel, der Tod von Bambis Mama schrieb Filmgeschichte. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Ihr Tod rührte Millionen zu Tränen und führte zu heftigen Diskussionen darüber, ob ein Film mit derartigen Szenen als Kinderfilm geeignet ist. Auf der anderen Seite war der Tod von Bambis Mama auch gleichzeitig eine Premiere in der Geschichte der Disney Trickfilm Geschichte. Nie zuvor starb eine Hauptfigur, die nicht zu den Bösen zählte.

Daneben führte Bambi aber auch viele Zuschauer im Bereich der Artenkenntnis aufs Glatteis. So wird bis heute sehr gerne von Bambi gesprochen, wenn es um Rehe geht. Vielerorts hält sich zudem der Glaube, das Reh sei die Frau des Hirsches. Doch wie kam es zu dieser Verwirrung? Die Geschichte ist im Grunde ganz einfach:

Disney war seinerzeit nicht der Erfinder von Bambi. Geschrieben wurde die Geschichte vom Österreicher Felix Salten. Sie wurde bereits 1923 publiziert. Die Hauptrolle spielte ein Rehkitz: Bambi. Disney kaufte die Rechte an der Geschichte und machte daraus den erfolgreichen Film.
Die Sache hatte nur einen Haken: Rehe gibt es in der nordamerikanischen Heimat von Disney nicht. Und so wurde aus dem Reh kurzerhand ein Weißwedelhirsch.
In der deutschen Synchronisierung war schließlich wieder von einem Reh die Rede, obwohl die Zuschauer einen Weißwedelhirsch vor sich sahen. Das machte die Verwirrung komplett.

Übrigens: Wie das Reh gehört auch der Weißwedelhirsch zur Familie der Hirsche. Im Gegensatz zum Rothirsch oder Damhirsch sind die beiden Arten allerdings keine Angehörigen der Unterfamilie der "Echten Hirsche", sondern der "Trughirsche".

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  • Mit großem Vergnügen gelesen!