Das Wildkaninchen

Es ist kleiner als der Feldhase und kürzere Ohren hat es auch: das Wildkaninchen. An ein Leben in der Kulturlandschaft ist es perfekt angepasst. So kann man das Wildkaninchen auch innerhalb von Dörfern und Städten antreffen. Die geselligen Tiere lieben abwechslungsreiche Wiesenlandschaften mit ausreichend Versteckmöglichkeiten. Sind die Böden dann noch leicht und sandig, hat das Wildkaninchen seinen Lieblingsplatz gefunden. Denn hier kann es problemlos seine unterirdischen Gangsysteme anlegen.

Anders als viele Menschen glauben, gehört das Wildkaninchen ursprünglich nicht zu den bei uns heimischen Tieren. So kam es seinerzeit auf der Iberischen Halbinsel und in Teilen Nordafrikas vor. Es war der Mensch, der es im Mittelalter in Europa angesiedelt hat. Ebenso ist der Mensch für seine Verbreitung in Amerika, Australien und Neuseeland verantwortlich.

Schon im Februar beginnt beim Wildkaninchen die Fortpflanzungszeit, die bis in den Oktober reicht. In diesem Zeitraum bringen sie etwa 4 bis 7 Mal Nachwuchs zur Welt. Dabei werden jedes Mal durschnittlich 4 bis 6 Junge geboren, die zu Anfang noch nackt und blind sind. Eine Besonderheit, mit der das Wildkaninchen aufwarten kann, ist der Eisprung. Dieser wird erst durch die Paarung ausgelöst.

Wildkaninchen sind oft in der Dämmerung und der Nacht aktiv. Sind sie nicht an den Menschen gewohnt, kann ihre Beobachtung allerdings ein zeitraubendes Unterfangen werden. Denn Wildkaninchen verfügen über einen ausgezeichneten Geruchs- und Gehörsinn. Sich ihnen unbemerkt zu nähern, ist daher fast unmöglich. In urbanen Lebensräumen sind Wildkaninchen jedoch häufig an den Menschen gewöhnt und daher viel leichter zu beobachten. Sie ernähren sich vor allem von Kräutern, Gräsern, Knospen und auch Wurzeln. In Wintern, wo diese Nahrung knapp wird, greifen sie auch auf Rinde zurück.

Der Trick mit der Verdauung

Die Geschichte mit dem Stuhlgang nach dem Essen ist beim Wildkaninchen nicht so einfach, wie man es von vielen anderen Tieren kennt. Was oben rein kommt, kommt irgendwann hinten wieder raus. Soweit stimmt es auch beim Wildkaninchen. Allerdings ist das, was dazwischen passiert, eine höchst interessante Angelegenheit:

Das Wildkaninchen produziert keine Enzyme, mit denen es Cellulose (einer der wichtigsten pflanzlichen Baustoffe) spalten kann. Das ist ein Problem, wenn man an die Nährstoffe in schwer verdaulichen Pflanzenteilen herankommen möchte. Doch das Wildkaninchen hat eine besondere Lösung parat: Wenn es Nahrung zu sich nimmt, wird sie nicht direkt verdaut. Stattdessen wird sie im Blinddarm sozusagen zwischengelagert und dort fermentiert. Dieser Prozess dauert etwa 2 bis 12 Stunden.
Dabei entsteht ein Kot, der ein Gemisch aus unverdauten Nahrungsbestandteilen und speziellen Bakterien enthält. Dieser Kot ist, anders als die Hinterlassenschaften, die wir von Wildkaninchen kennen, nicht rund und fest, sondern weich. Er wird von dem Wildkaninchen vor allem morgens ausgeschieden und direkt wieder gegessen. Dadurch nimmt es die bei der Fermentation entstandenen Proteine, Vitamine und Aminosäuren zusammen mit den Bakterien auf. Nur auf diesem Wege kann sich das Wildkaninchen die Nährstoffquelle erschließen.
Natürlich muss auch diese Nahrung wieder ausgeschieden werden. Zuvor wird dem Kot die Feuchtigkeit entzogen und es entstehen die angesprochenen Kotkügelchen, die sicher jeder schon einmal gesehen hat.

Besserwisserwissen: Der ganze Vorgang hat natürlich auch eine eigene Bezeichnung, er wird als „Caecotrophie“ bezeichnet.

Bestandsrückgänge

Sorgt der Mensch dafür, dass es in einem Gebiet eine neue Art gibt, zieht das nicht selten große Probleme nach sich. Fehlende Fressfeinde können schnell zu Überpopulationen führen, die sich auf das gesamte Ökosystem negativ auswirken. Bei uns in Deutschland trifft das auf das Wildkaninchen nicht zu. Hier haben sich eine ganze Reihe natürlicher Feinde aufgestellt, die für eine Bestandsregulierung sorgen. Füchse, Wölfe und Luchse machen genauso Jagd auf das Wildkaninchen wie Iltis, Wiesel und Marder. Und auch aus der Luft droht Gefahr. Denn zum Beispiel Eulen und Greifvögel wissen die Wildkaninchen ebenfalls als Nahrung zu schätzen.

Erhebliche Bestandsrückgänge gehen auch zulasten verschiedener Viruserkrankungen. Diese wurden zum Teil gezielt vom Menschen in Umlauf gebracht. Mit einer Sterblichkeitsrate von etwa 40 bis 60 Prozent sorgt Myxomatose, auch als Kaninchenpest bezeichnet, immer wieder für Einbrüche in einzelnen Wildkaninchenbeständen. Seit ein paar Jahren tritt bei uns auch immer häufiger die sogenannte Chinaseuche auf. Diese Erkrankung, die durch ein Calicivirus verursacht wird, befällt nach heutigem Kenntnisstand ausschließlich Kaninchen und zieht eine Sterblichkeit von bis zu 100 Prozent nach sich. Erst die Zukunft wird zeigen, wie stark sich dieses Virus auf unsere Wildkaninchenbestände auswirken wird.

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